Steigern Anno 1896

Folgendes schrieb der Dorflehrer Peter Eich im Jahre 1896 in der Dernauer Ortschronik in dem Abschnitt “Sitten und Gebräuche” über das Steigern der Junggesellen:

“Ein eigentümlicher alter Gebrauch ist das Mailehen. Er besteht darin, daß alljährlich am Maiabend die reifere männliche Jugend sich versammelt und hierbei die Jungfrauen ausbietet und versteigert. Da die Übertragung als Belehnung am Maiabend geschieht, so wird sie Mailehen genannt.

An dem Platze, wo der Maibaum aufgepflanzt ist, oder in einem Saale kommen die Burschen zusammen, und nach vorangegangener Beratung beginnt der Geschickteste unter ihnen, die im heiratsfähigen Alter stehenden Jungfrauen unter Namensangabe derselben, einzeln aufzurufen. Dabei verfehlt der Stimmführende nicht, die rühmlichen Eigenschaften und Vorzüge, wie auch die Schattenseiten und Mängel jeder einzelnen ins rechte Licht zu setzen, wonach sich dann, je nachdem, das Gebot richtet. Dem Meistbietenden wird dann das Mädchen zugeschlagen. Es liegt auf der Hand, daß die stillen Verehrer ihre Erkorenen nicht so billig passieren lassen, zumal nicht, wenn einer oder mehrere Rivalen, sei es in Wirklichkeit oder nur dem eigennützigen Scheine nach, mit in die Schranken treten. Unter solchen Umständen wird manchmal eine größere Summe erzielt, die dann bei der Kirchweihe von den Burschen gemeinschaftlich vertan, gewöhnlich aber zur Bestreitung der Kosten der Musik etc. verwendet wird.

Bei der Übertragung der “Lehen” wird selbstredend mit den ansehnlichsten und begehrenswertesten Jungfrauen der Anfang gemacht.

Trifft es sich, daß auf die eine oder andere kein Gebot fällt, so werden sie zurückgestellt und schließlich mehrere derselben einzelnen, übriggebliebenen Burschen zugeschlagen. An dieser Lehenvergebung dürfen sich alle jungen Mädchen und Burschen beteiligen, die sich bis dahin eines sittenreinen unbescholtenen Rufes erfreuen, und als Schmach gilt es umgekehrt, von derselben ausgeschlossen zu werden.

Wer nun in dieser Weise ein Mailehen erstanden hat, nimmt dafür in Anspruch, vorausgesetzt, daß der andere Teil damit einverstanden ist, sein “Mailehen” bei der Kirchweihe und anderen Anläßen zum Tanze zu führen, ihre Tänze zu vergeben, überhaupt muß sich das Mädchen dafür gefallen lassen, daß dieser Bursche ihren Verehrer spielen darf während eines Jahres, denn das Lehen geht immer auf diese Dauer.

Wenn ein zusammengegebenes Paar Gefallen aneinander findet, so geht der Bursche am 1. Sonntag im Mai in die Wohnung der Jungfrau. Im Falle des Gewogenseins, bewirtet diese ihn mit Wein und Kuchen.

Folgendes ist noch nachzutragen: Am Abend des Versteigerns steckt jeder Bursche seinem “Mailehen” einen Prisch an, welcher am Abend vor der Kirmes erneuert wird. Vor dem Akt des Versteigerns pflanzen alle Burschen gemeinsam den sogenannten Maibaum auf.

In Schaltjahren fällt der ganze Brauch weg. In diesen sollen die Mädchen den Maibaum aufstellen. Unterlassen diese es, so setzen die Burschen ihnen auf öffentlichem Platze eine Birke, die dann von den Mädchen folgenden Tages abgehauen wird. Dieses Spiel wiederholt sich oft mehrmals in demselben Jahre.

Leider ist dieser Brauch in den letzten Jahren oft in Unfug ausgeartet. Abgesehen von dem Lärm, der oft die ganze Nacht vom 30. April auf 1. Mai andauert, kommt es nicht selten zu Beleidigungen. Das Ausrufen und Versteigern bietet nicht selten Anlaß dazu, daß Burschen, besonders aber Mädchen, dem öffentlichen Gespötte der Zuhörer preisgegeben sind. Die Geistlichkeit bekämpft von der Kanzel herab scharf diesen Gebrauch.

Andererseits nimmt diese Sitte sehr oft Gelegenheit zur Anknüpfung von Beziehungen zueinander; man lernt sich kennen, und es gehört keineswegs zu den seltenen Fällen, daß aus diesen Lehenpaare in nicht zu ferner Zeit Ehepaare hervorgehen.”